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Geliebte „Amati“
Von feinem Klang und falschen Etiketten
Er galt in der Familie meiner Mutter als Snob, mein netter, wohlhabender
Onkel Carl Bolle in Berlin. Schon bald nach dem 1. Weltkrieg konnte er
sich einen Chauffeur leisten, hatte einem on-dit zufolge Seidentapeten
in seinem Haus und war im Besitz einer angeblich sehr wertvollen Geige.
Er spielte sie zwar nur an Quartettabenden im häuslichen Kreis. Da
er aber sowohl an sein Können als auch an alles, mit der er sich umgab,
höchste Ansprüche stellte und sich auch von dem Riesenvermögen,
das sein Großvater – in Berlin der Milchbolle genannt – hinterlassen
hatte, nahezu alles Teure leisten konnte, sprach die Familie immer höchst
andächtig von ihr.
Ich war sein Patenkind. Als ich Anfang der 50er Jahre die sagenumwobene
Geige erbte, beeindruckte sie mich überhaupt nicht. Sie sah sehr alt
und etwas mitgenommen aus, hatte aber einen feinen hellsilbrigen Klang
und in ihrem Innern einen Werkzettel:
„Antonius, & Hieronymus Fr. Amati Cremonen, Andreæ Fil. F. 1617“
Damals spielte ich nur unregelmäßig und war einigermaßen
ahnungslos vom Wert eines solchen Instrumentes. Das wurde allerdings schlagartig
anders zu Beginn der 70er Jahre, während meines Studiums, als ich
erneut Unterricht nahm und die Geige wegen eines geringfügigen Trockenrisses
zur Reparatur mußte. Mein Geigenlehrer, der sie zu diesem Zweck mitgenommen
hatte, übergab sie mir nach den Semesterferien, zusammen mit zwei
hohen Rechnungen, fast ehrfürchtig mit den Worten: „Wissen Sie, daß
Sie eine echte Amati haben? Mein Geigenbauer hat sie gleich nach Mittenwald
geschickt, aber vorher gut versichert. Hier: die Rechnungen.“ Er hatte
einen Katalog mitgebracht, demnach besaß die Geige einen Wert von
DM 40.000; damals wäre das ein Vermögen für mich gewesen.
O Onkel Carl, ich hätte dich umarmen können. (Heute würde
man einen hübschen sechststelligen Betrag erzielen.)
Ab diesem Tag schien mir in der Hochschule so etwas wie ein Heiligenschein
gewachsen zu sein.
Professor Chassée fragte mich bescheiden: „Darf ich mal auf Ihrer
wunderschönen Geige spielen?“ und die Kommilitonen, steckten sie nicht
die Köpfe zusammen, wenn ich vorüberging oder drehten sich nach
mir um?
Zuerst brauchte ich natürlich eine Expertise. Ich machte mich also
auf den Weg und landete bei Bünagel in Köln, stolz und voll der
höchsten Erwartung. Nach fünf Minuten Anschauens, Umdrehens,
unter-die-Lupe-Haltens dann die vernichtende Fachauskunft, sie habe mit
einer Amati nichts gemein. – Dann war ich draußen. Dort, auf der
Straße, schrumpfte ich mit meinem Kasten zu der Bedeutungslosigkeit
einer Maus. Weg war der Heiligenschein, zerplatzt der Traum vom großen
Geld.
Zwei Jahre später, als ich zum Orchester der Landesregierung fand,
wuchsen wir allmählich wieder, meine „Amati“ und ich. Die herrliche
Zeit dort half mir darüber hinweg; das gemeinsame Musizieren hatte
einen höheren Stellenwert bekommen. – In den 90er Jahren bot
das Auktionshaus Sotheby, Zweigstelle Köln, kostenlos an, alte Instrumente
zu begutachten; aber auch dort hatte sie sich noch nicht zu einer Amati
entwickelt. Sie war geblieben, was sie war: ein sehr altes Instrument,
etwa Anfang 19. Jahrhundert, mit feinem Klang und einem falschen Werkzettel.
Wie so viele.
So brauche ich mich nicht von ihr zu trennen. Wir sind miteinander alt
geworden, und wir werden uns nicht verlassen, solange ich noch im OdL spielen
kann. Der Zettel im Inneren ist sehr dunkel geworden. Man kann nur noch
mühsam mit Hilfe einer grellen Taschenlampe lesen
„Antonius, & Hieronymus Fr. Amati Cremonen, Andreæ Fil. F. 1617“
Manchmal tue ich’s noch, und immer bin ich dabei ganz aufgeregt. Wer
weiß?
Ortrun Kummer |