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Vereinte Dilettanten
Gedanken zum Liebhaberorchester
Wer ist ein Liebhaber? Ich denke, es ist jemand, der sich einer Kunst
oder Wissenschaft von Herzen hingibt, ohne sie zum Broterwerb auszuüben.
Er ist ein Dilettant (vom italienischen "dilettare" - ergötzen).
In früheren Jahrhunderten hatte das Wort Dilettant noch keine abwertende
Bedeutung; es gab auch keine Trennung zwischen Berufs- und Liebhabermusikern.
Die Komponisten waren sogar für die Aufführung ihrer Werke auf
die Mitwirkung solcher Liebhaber angewiesen, wie z.B. Bach, wenn er seine
Passionen dirigierte.
Erst mit der Entwicklung der technischen Möglichkeiten im 19.
Jahrhundert und den größeren Konzertsälen wuchsen die Ansprüche
an die Musiker. Beethoven hatte seine Symphonien noch großenteils
mit Dilettanten zur Aufführung gebracht. Bei Wagners Werken wäre
das nicht mehr möglich gewesen. Instrumentalmusik mußte von
nun an studiert werden. So gründete Felix Mendelssohn-Bartholdy 1843
das erste deutsche Konservatorium. Ab dieser Zeit wurde es den Dilettanti
immer schwerer, in Konzerten mit anspruchsvoller Musik öffentlich
mitzuwirken. Da setzte sich unerwartet in Berlin eine Frau für die
"Errichtung eines Dilettantenvereins für Instrumentalmusik" ein: Fanny
Hensel, Mendelssohns ältere, geliebte Schwester, eine bekannte Pianistin
und Komponistin. Sie trat am 17.07.1825 mit dem Vorschlag an die musikinteressierte
Öffentlichkeit: "... Berlin besitzt viel geschickte und kunstliebende
Dilettanten; der Mangel eines Vereinigungspunktes für so viel zerstreutes
Talent ist fühlbar. Ein jeder Einzelne sucht ihm dadurch abzuhelfen,
daß er, wenn es seine Umstände erlauben, ein Quartett, oder
eine mehr- und minderstimmige Musik bei sich aufführen lässt.
Dergleichen Privatsammlungen gibt es Unzählige hier, aber vereinzelt
wirken sie nichts ...
Wenn aber alle diese, an und für sich schwache Strahlen in einen
Glanzpunkt vereinigt würden, dann könnten sie ihr Licht weit
in die Welt verbreiten ...
Die vorher zu bedenkenden Kosten dürften sein:
1. Miete, Heizung, Erleuchtung
2. Bedienung
3. Anschaffung von Pulten u.a.
Um ein vielfältiges Konzertangebot zu erreichen, empfiehlt es
sich, wöchentlich zwei zweistündige Proben abzuhalten..."
Um Fannys Begeisterung für einen solchen Dilettantenvein nachzuempfinden,
muss man sich klar machen, dass sie in einer Zeit lebte, als es noch keine
Wiedergabemöglichkeiten durch Tonträger gab.
"... und welch herrliche Früchte lassen sich erwarten, wenn sich
einst unsere Stiftung mit der Singakademie zu großen musikalischen
Aufführungen vereinigt, wenn beide Kräfte nach einem Ziele strebend,
die Werke eines Bach, Händel, Haydn, Mozart, Cherubini, Beethoven
in nie gehörter Vollkommenheit darstellen ..."
Als Fanny Caecilia Hensel dies schrieb war sie zwanzig Jahre alt. Sie
hat sich mit kluger Weitsicht für die Existenzberechtigung von Liebhaberorchestern
eingesetzt und die entstehenden Probleme damals schon erkannt. Kennen wir
sie nicht heute noch?
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